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Blog - Interview: Popy Matigot

14.03.2019 By Chloé Girodon
Interview: Popy Matigot

Popy Matigot: Porträt

Popy Matigot, die junge Illustratorin aus Strassburg, gehört zu jener neuen Generation von IllustratorInnen, denen man einfach folgen möchte.

 

Popy Matigot

Mit ihrem Abschluss von der Haute École d’Art et du Design in Genf und dem Prix d’Excellence der Fondation Hans Wildorf im Sack veröffentlichte sie 2015 ihr erstes Kinderbuch, Monsieur Tomate. Seitdem setzt sie erfolgreich Grafikarbeiten für grosse Marken um sowie Illustrationsaufträge für die Presse (Télérama, Marie-Claire, Le Temps) und veröffentlicht zudem Kinderbücher bei den Verlagen Maison Eliza, Sarbacane und Helvetiq. Nebenbei findet sie Zeit, um im Rahmen des Kollektivs URBS Workshops zu leiten.

 

Es ist ein mit Farbe und Poesie gefüllter Alltag für diese vielseitig talentierte Künstlerin, die inmitten von Geschichten aufwuchs, solche, die ihr erzählt wurden, und solche, die sie selber erfand.

  

Das interview

Anlässlich der Veröffentlichung ihres neuen Kinderbuches stellte ihr die Helvetiq-Redaktion einige Fragen: 

Diesen Monat erscheint dein viertes Kinderbuch, Ihr da oben!, bei Helvetiq. Es ist das erste Mal, dass du nicht nur als Illustratorin, sondern auch als Autorin auftrittst.

Was hat der Schreibprozess für dich geändert?

Ich arbeite sehr gerne mit AutorInnen wie Sandra Le Guen zusammen, mit der ich zwei Kinderbücher (Petite Pousse und À l'horizon) veröffentlicht habe. In diesen Fällen tauche ich völlig in die Texte ein und versuche anschliessend, meine Vision des Textes zeichnerisch hinzuzufügen.

Ich glaube hingegen, dass mir durch das Schreiben und Illustrieren ein viel persönlicheres Werk gelungen ist, auch wenn mir die Schreibarbeit noch nicht so leicht und spontan von der Hand geht.

 

Wie bist du vorgegangen: zuerst die Illustrationen, dann den Text? Oder umgekehrt?

Ich habe zuerst gezeichnet. Ich hatte kein bestimmtes Ziel im Kopf, ich schuf einfach nach und nach kleine Teile eines Universums. Insbesondere die Häuser auf Stelzen waren Teil dieser Welt. Ich habe erst danach darüber nachgedacht, welche Geschichte diese kleinen Ausschnitte erzählen könnten. Eines Tages, in einem Zug – denn Ideen kommen oft in unwahrscheinlichen Momenten oder an unwahrscheinlichen Orten, wenn wir nachdenken oder uns langweilen –, fügte sich die Geschichte von Ihr da oben! zu einem Bild zusammen. 

Oh là haut ! Cabanes 

Ändert sich etwas, wenn du dich zusätzlich mit Worten ausdrücken kannst? Hast du den Eindruck, dadurch mehr sagen zu können?

Es geht nicht wirklich darum, mehr sagen zu können. Wenn ich mit einer Autorin oder einem Autor zusammenarbeite, können wir auch sehr viel erzählen. Die Verschmelzung zweier künstlerischer Welten ist ein echter Pluspunkt. Aber ich denke, dass ich in Ihr da oben! stärker meinen eigenen Fokus einbringen kann und das Buch ganzheitlicher betrachte.

 

Wie arbeitest du in grafischer Hinsicht? Auf welchen Medien und mit welchen Techniken?

Für meine ersten beiden Bücher, Monsieur Tomate von Davide Cali und À l'horizon von Sandra Le Guen, habe ich ganz traditionell auf Papier gearbeitet, mit Aquarellfarbe oder mit Buntstiften.

Für Ihr da oben! habe ich die Medien jedoch gemischt. Ich habe zunächst von Hand gearbeitet, das heisst eine Zeichnung auf Papier gemacht und auch Texturen hinzugefügt. Die gesamte Einfärbung der Illustrationen habe ich dann aber digital ausgeführt.

 

Du fertigst Illustrationen sowohl für die Presse als auch für fiktive Texte an: Gehst du beide Illustrationsarten auf die gleiche Weise an?

Nein, Illustrationen für die Presse zu erstellen, ist etwas ganz anderes. Zunächst einmal ist der Prozess viel kürzer. Ich habe oft nur 48 Stunden Zeit, um eine Zeichnung einzureichen, manchmal sogar weniger. Ich nehme diese Aufträge fast als kleine Herausforderung an: Ich tauche in einen Artikel oder in ein Dossier ein und versuche, sie zu verstehen und Zeichnungen zu einem Thema umzusetzen, mit dem ich sonst nie in Berührung gekommen wäre. Diese Übung ist ziemlich aufregend: Es liegt an mir, in der begrenzten Zeit das Thema zu verstehen und zu versuchen, es auf den Punkt zu bringen.

 

Deine künstlerische Handschrift ist sehr gut erkennbar, nicht nur aufgrund deines Stils, sondern auch dank deiner grossflächigen Verwendung von Farben: Welche Bedeutung hat Farbe für dich? Wie setzt du sie in deiner Arbeit ein?

Bei meiner Arbeit steht die Farbe im Vordergrund. Ich arbeite mehr mit Farbflächen und nicht so sehr mit Linien. Das liegt vermutlich daran, dass Farben für mich Emotionen, Empfindungen transportieren. Mit den Pantone-Farben kann ich meine Farbpalette noch verfeinern. Sie erlauben mir, genau auszuwählen, welche Farbe ich verwenden möchte, ohne durch den CMYK-Druck eingeschränkt zu sein, der Farben manchmal etwas matter wiedergibt. In Ihr da oben! treten die Farben intensiv hervor, und die limitierte Farbpalette ermöglichte es mir, dem Buch eine ganz eigene Identität zu verleihen. Hier könnte auch der Einfluss meines Grafikstudiums durchscheinen.

 

Oh là haut ! Oiseaux

Ihr da oben! spricht von Freundschaft, aber vor allem auch vom Zusammenleben und von der Wichtigkeit der Kommunikation: Ist dies ein Thema, das dir besonders am Herzen liegt?

Ja, sehr. Der Dialog zwischen Nachbarn, zwischen Jung und Alt, zwischen verschiedenen sozialen Schichten und zwischen Gemeinschaften kommt immer mehr abhanden. Dies ist jedenfalls der Eindruck, den ich habe, und es scheint mir, dass die Spannungen dadurch zunehmen, was Missverständnisse und Konflikte erzeugt. Es ist ein bisschen banal, aber für mich sind der Dialog, das Verständnis und die Akzeptanz des Anderen von grösster Bedeutung, ja sogar essenziell.

 

In der Tat ist das Thema aktueller als je zuvor: Warum hast du dich dafür entschieden, deine Geschichte in eine Fantasiewelt einzubetten und nicht in einer Umgebung, die unserer Realität näher liegt?

Ich fühle mich freier, bestimmte Themen anzusprechen, wenn ich nicht an der Realität festhalte. Und als Illustratorin reizt es mich, die LeserInnen dazu einzuladen, zu reisen, dem Alltag zu entfliehen und Dinge auf neue Weise zu betrachten. Sie können dadurch auch einen Schritt zurücktreten. Danach liegt es an ihnen, die Verbindung mit ihrer Realität herzustellen oder nicht. Ich hoffe, dass dies die LeserInnen – ob Kind oder Elternteil – dazu bringt, über das Thema nachzudenken, Fragen zu stellen und sie gemeinsam zu diskutieren.

 

Was sind deine nächsten Projekte?

Zufällig arbeite ich momentan an verschiedenen Projekten mit unterschiedlichen Verbänden oder Kollektiven von StadtplanerInnen, ArchitektInnen und LandschaftsgestalterInnen, um gemeinsam öffentliche Räume für und mit MitbürgerInnen zu schaffen. Ich habe vor zwei Wochen (zusammen mit anderen Referenten) einen Workshop mit MitbürgerInnen veranstaltet, dessen Ziel es war, über die zukünftige Entwicklung des Place de la Riponne und des Tunnels in Lausanne nachzudenken. Vergangenes Wochenende habe ich an einem anderen öffentlichen Raum in Meyrin gearbeitet.

 

Ich glaube, dass wir den BürgerInnen wieder vermehrt eine Stimme geben müssen, dass wir stärker in Dialog treten und gemeinsam nachdenken sollten, wie wir die eigene Umgebung, das eigene Quartier weiterentwickeln wollen. Dies erfordert Input von allen, jede und jeder nach seinen Möglichkeiten. Doch es ist nicht einfach, denn jede und jeder hat eine Meinung, eine Vision. Diese in Einklang zu bringen, ist nicht leicht. Aber durch kleine Aktionen und durch das Zusammenkommen können wir – so hoffe ich – etwas bewegen. Ich hatte gar nicht darüber nachgedacht, aber es ist eigentlich ganz witzig, dass ich gerade jetzt an Projekten zum Thema Zusammenleben und Kommunikation arbeite, als Ihr da oben! erscheint.

 

Und zum Schluss noch ein kleines «portrait chinois»:

Wenn du ...

eine Stadt oder ein Ort wärst? Montreuil, eine Vorstadt von Paris, wo ich aufgewachsen bin. Es ist ein Schmelztiegel, wo nach wie vor die Arbeiterschicht und Bobos aufeinandertreffen.

eine Farbe wärst? Blau

ein Emoji wärst? Das Feuerwerkskörper-/Explosion-Emoji. Ich weiss nicht, warum ich es mag, es ist jedenfalls dynamisch. Es passiert etwas!

ein Buch wärst? La vie devant soi von Romain Gary. Oder von Emile Ajar. Also von beiden …

das Schlusswort hättest? Lasst uns reden!

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